Braucht Hamburg mit dem Fringe ein weiteres Theaterfestival?
Beim Fringe geht es nicht darum, ein weiteres beliebiges Festival zu schaffen, sondern es geht um das Gesamtkonzept einer "Plattform Junges Theater", die wir in Hamburg schaffen wollen. Das Fringe ist dabei eines von mehreren Festivalelementen, die künftig zeitgleich jeden Sommer stattfinden sollen.
Worum geht es denn genau bei dieser "Plattform Junges Theater"?
Aus der Trias FINALE|KALTSTART|FRINGE entsteht gerade ein in Deutschland vollkommen einzigartiges Theaternachwuchsfestival, das auf folgenden drei Säulen fußt: FINALE als Akademiefestival unter der Trägerschaft der Theaterakademie Hamburg. KALTSTART als klassisches und dennoch progressives Theaterfestival für den Profinachwuchs. Und dem FRINGE, das allen freien Nachwuchstheatergruppen eine Bühne bieten soll. Durch diese drei Säulen können wir ein wirklich umfassendes Abbild der deutschen Nachwuchsszene generieren und echte Festivalatmosphäre schaffen.
Warum Hamburg?
Berlin kann nicht alles Kreative für sich reklamieren. Hamburg ist ebenfalls eine führende Kreativ- und Kulturmetropole Deutschlands. Doch dies müssen wir künftig noch stärker mit wegweisenden Festivals demonstrieren, nicht nur mit kolossalen Bauten wie der Elbphilharmonie.
Was ist das Problem mit der Elbphilharmonie?
Wäre sie nicht so unglaublich teuer, gäbe es kein Problem. Doch nachhaltige Strukturen, und dazu zählen Gebäude, sind nur die eine Seite - dynamische, temporäre und abwechslungsreiche Inhalte die andere. Diese müssen sich von der Hochkultur bis zur Subkultur erstrecken, um nicht in die Fallen des elitären oder unterhaltungskommerziellen zu geraten. Diesen Freiraum wollen wir erobern - Hamburg braucht ein solches Festival, und die deutschsprachige Nachwuchsszene auch.
Wofür steht denn Fringe, für Egalität oder die Beliebigkeit der Masse?
Dafür, dass die Künstler selbst den Charakter des Festivals definieren. Fringe steht für freies, innovatives "Off-Theater", für ungewöhnliche Orte, an denen Theater und Kunst kreativ explodieren; Fringe steht für eine temporäre künstlerische Invasion in den öffentlichen Raum einer Stadt. Das ist etwas höchst Demokratisches. Wir geben nicht einmal die Spielorte vor. Wer daran teilnehmen darf, entscheidet keine Jury und keine Scouts, sondern schlicht einheitliche Teilnahmebedingungen.
Was steht darin?
Zum Beispiel darf das Ensemble mehrheitlich nicht älter als 35 Jahre sein, denn uns geht es um den Nachwuchs. Auch steht darin, dass die Gruppen das finanzielle Risiko selbst tragen, zugleich jedoch 80 % ihrer Einnahmen einbehalten.
Das ist ein wichtiger Punkt. Fringe-Festivals gibt es bereits in Metropolen auf der ganzen Welt, oft verschulden sich Gruppen um mehrere tausend Euro, nur um in New York oder Edinburgh dabei sein zu können. Funktioniert ein solches Konzept in Deutschland?
Bei aller Liebe zur Alster - keine freie deutsche Theatergruppe wird 3000 Euro drauflegen, nur um einmal in Hamburg aufzutreten. Es wäre also naiv, ein Konzept wie das Fringe-Konzept, das vor über 60 Jahren in Edinburgh entstand und sich seitdem weiterentwickelt hat 1:1 nach Hamburg zu übertragen. Uns geht es in erster Linie darum, die Kosten, die den Gruppen für ihre Aufführung vor Ort entstehen, zu neutralisieren bzw. so gering wie möglich zu halten. Dazu gehören Aufführungsorte, Technik, usw. Im besten Fall decken sich schließlich Einnahmen und Ausgaben für Anreise und Unterkunft der Gruppe, so dass die Gruppen Hamburg kostenneutral und überglücklich verlassen.
Welches Publikum erwarten Sie - und was erwarten Sie vom Publikum?
Wir erwarten alle, eben nicht nur Theaterfreaks. Die Zusammenkunft von Künstlern und Publikum wird tatsächlich das größte Experiment. Das Publikum muss sich vom Gedanken verabschieden, zum Fringe wie zu einem normalen Theaterbesuch zu gehen, bei dem man ein Stück auf eine Bühne sieht. Für die Künstler gehört nämlich all dies dazu. Sie führen nicht nur auf, sie erobern auch einen Raum und sie wollen sich dem Publikum stellen. Für sie steht also der Austausch im Vordergrund, die Erfahrung dabei und in Hamburg zu sein. In Edinburgh habe ich mal eine Studententheatergruppe gesehen, die den Swimmingpool eines Nobelhotels mit Ovids Metamorphosen bespielte. Da haben sich die normalen Hotelgäste ganz schön auf dem Weg zur Sauna gewundert. Und die "regulären" Zuschauer landeten am Ende mehrheitlich im Pool.





