In seinem letzten Interview verriet Wright dem Times-Autor Paul Sexton, wie ihn ein halbherziges Architekturstudium 1966 in die Arme seine späteren Mitstreiter trieb. „Mein Tutor sagte: ‚Architektur, das ist bei dir Zeitverschwendung. Geh, und werd' glücklich mit der Musik.’“
Der Weg von Pink Floyd wurde oft erzählt; der Weg von der angesagtesten Attraktion im Londoner Psychedelic-Zirkus der Sechziger zum Supergroup-Monster der Siebziger und Achtziger. Das Album „Dark Side Of The Moon“ (1973), die perfekte Schnittstelle zwischen kommerziellem Pop und bizarrem Art-Rock, brachte den Durchbruch. Fünfunddreißig Millionen Menschen haben es sich bis heute gekauft. Es ging um Liebe und Tod, Entfremdung und Wahnsinn in der modernen Welt. Da waren die vier Musiker zwar keine dicken Freunde (waren sie nie), aber ihr unbändiger Spieltrieb tropfte durch jede Rille des Vinyls. Die Band streunte mit Aufnahmegeräten durch das Abbey Road-Studio und befragte Hausmeister, Roadies und Techniker zu diesen Themen. Später mixte man die O-Töne zu den Songs hinzu. Auch ein gewisser Paul McCartney gehörte zu den Befragten. Doch der Mann wollte etwas zu gewitzt klingen und fiel durch. Die Band wollte keine naseweisen Aphorismen, sondern unverfälschte Tresenphilosophie.
Der Erfolg war auch der Anfang vom Ende. Vor allem, weil die Hirschgeweihe der Kreativköpfe immer öfter aufeinander prallten. In der einen Ecke: Roger Waters, Bassist und Texter, der immer schrulliger und exzentrischer wurde und die Gruppe nach seinem eigensinnigen Gusto umformen wollte. In der anderen Ecke: David Gilmour, Sänger und Gitarrist, der sich diesen Ego-Amoklauf nicht gefallen lassen wollte, aber doch zu oft zurücksteckte. Bis es nach dem überambitionierten Opus „The Wall“ (1979) richtig krachte.
Wright wurde von Waters kurzzeitig aus der Band gedrängt, auch wegen akuten Drogenproblemen, die ihm das Spielen und Komponieren erschwerten. Das war die Zeit, in der Wunden aufbrachen, die nie ganz verheilen. 1984 wollte Waters die Band beerdigen, der Rest weitermachen. Für den grimmigen Banddiktator eine Unverschämtheit - Pink Floyd war doch seine Band. Nach Gerichtsklagen, Schlammschlachten und Dauerzankerei herrschte zwanzig Jahre lang eisige Funkstille. Man ging noch zweimal ohne Waters auf Tour, das letzte Mal 1994. Die Stadien waren voll, weltweit. Waters bekam seine Genugtuung 1990, als er die The Wall-Oper mit vielen Stars und gigantischem Materialaufwand auf dem Potsdamer Platz aufführte, der damals fast so karg und leer war wie die Wüste Gobi.
Viele Jahre lebten die Briten von marktstrategisch geschickter Nachlassverwaltung und mediokren Soloalben. Bis sie auf dem Live8-Festival 2005 doch noch einmal zusammen auf einer Bühne standen. Wegen des guten Zwecks. Eine Wiedervereinigung für kurze zwanzig Minuten, die kaum einer für möglich gehalten hatte. Waters und Wright waren nett zueinander. Waters bot ihm an, auf seiner Solotour mitzuspielen, doch der Keyboarder lehnte ab. Wie gesagt: Wunden, die nie richtig heilen.
Ich gehörte, wie viele andere Fans auf dieser Welt auch, zu denen, die seit eh und je eine Kerze ins Fenster stellten, es möge zu einer richtigen Reunion samt Tournee kommen. Das sind Träume, die nun dahin sind. So ähnlich müssen sich Beatles-Anhänger 1980 gefühlt haben, als John Lennons Ermordung alle Wiedervereinigungsträume für immer beendete.
Der bescheidene Wright stand nie im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, doch sein musikalischer Einfluss war lange hörbar. Die beliebtesten Alben, „Dark Side Of The Moon“ (1973) und „Wish You Were Here“ (1975), tragen seine Handschrift. Sein Spiel war nie virtuos, wie zum Beispiel das von Tastenraser Tony Banks von Genesis, es wirkte immer im Dienst der Musik und des Songs. Der Jazzfan besaß den musikalischen Verstand und Instinkt, aus halbgaren Vorlagen Großes zu zaubern. Wie zum Beispiel „Us & Them“, dessen Harmonien er nach dem Hören der Rohfassung etwas modifizierte und daraus einen der strahlendsten Diamanten der Popgeschichte machte. Und sein Spiel mit den damals schwer angesagten Moog-Synthesizern veredelte „Shine On, You Crazy Diamond“.
Die Musik von Pink Floyd ist nichts, was nur alte Hippies hören. Jede Generation entdeckt sie für sich neu, bis heute. Eine Stilschublade findet sich schlecht. Sie ist zu episch und ingeniös, um unbeschwerter Rock'n'Roll zu sein, aber doch zu gradlinig und universell, um aufdringlicher Progressive Rock zu sein. Ich entdeckte sie, als ich 14 war, und sie hat mich seitdem nicht losgelassen. Sie hat mich gut durch Jugend und Schulzeit gebracht. Es war die Art von Musik, die man nicht erst erkunden, zulassen oder begreifen muss, bevor man sich zu ihr bekennt. Es war Musik, die nahezu aus einem herausströmt. Ich wusste: diese Melodien, diese Worte, das bist du. So fühlst du. Mein Musiklehrer ließ mich ein Referat über die Band machen. Warum? „Damit man mal zeigen kann, dass hinter Musik mehr stecken kann als Hyper-Hyper und Eins-Zwei-Polizei.“ (Es waren die Neunziger.)
Nun ist einer der vier Musiker tot, die entscheidend am Soundtrack meines Lebens mitgewirkt haben. Man wird für kurze Zeit wehmütig. So geht es immer, wenn einer der alten Helden stirbt. Ein kleines Stück Jugend stirbt mit. Der Rolling Stone brachte es lakonisch auf den Punkt: „Das ist sehr, sehr traurig.“
Wrights schönste Großtat war „The Great Gig In The Sky“ vom Dark Side-Album. Ein Song über den Tod. Ein verträumtes Piano, dazu Gilmours seidige Pedal-Steel-Gitarre. Es gibt keinen Text, aber man hört die windschiefe Stimme des irischen Studiohausmeisters, Gerry O'Driscoll. „Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Warum sollte ich auch, dafür gibt's keinen Grund. Irgendwann musst du gehen.“ Es schnürt einem die Kehle zu.





