Einen solchen Abschied werden die meisten deutschen Fußballer in Zukunft wohl nicht erleben. So ein Abschied ist nur für Götter gemacht (respektive für die, die zu Göttern gemacht werden). So ein Abschied wäre auch früher nur für die ganz, ganz Großen denkbar gewesen, wie Beckenbauer oder Matthäus. Aber damals war das Fernsehen noch nicht so weit.
Gestern spielte das ZDF groß auf. Die Ehrenrunde wurde begleitet von „Time to Say Goodbye“, live geschmettert von Großbritanniens Kitchen Sink-Tenor Paul Potts. Danach begleitete die Kamera den dreimaligen Welttorhüter aus dem Stadion durch die menschenleeren Flure in die menschenleere Umkleidekabine. Dort kippt der Titan zwei Becher Wasser auf ex, zieht sich die Schuhe aus, um dann in die Kamera zu lächeln: „So, das war´s.“
Typisch Fernsehen. Eine Szene, die Intimität und Einkehr heucheln will, doch 60.000 im Stadion und 6,5 Millionen am Bildschirm sehen zu. Ein fast sakraler Augenblick, der mit Sicherheit in jedem Jahresrückblick vorbeihuschen wird. Eine Melancholie, die immer dann aufkommt, wenn man etwas tut, von dem man genau weiß, dass es das letzte Mal sein wird.
Wenn man die letzten fünfzehn Jahre an sich vorbei ziehen lässt, zu welchem Fazit müsste man da gelangen? Man käme selbstredend nicht umher auf Oliver Kahns Erfolge zu verweisen, und die hatte der Fußballersohn und Studienabbrecher aus Karlsruhe reichlich. Mit den Bayern gewann er 2001 die Champions League, ein Jahr später spielte er die WM seines Lebens, gewann das Viertelfinale gegen die USA im Grunde alleine. Es war die Zeit, in der er endgültig in den Olymp aufstieg, die Fans ihm den Namen „Titan“ verpassten, und Sportreporter sich dementsprechend unterwürfig gebärdeten. Leider griff er im Finale gegen Brasilien daneben, die taz titelte: „Kahn ja mal passieren“. Die WM im eigenen Land erlebte er nur von der Ersatzbank aus.
Man konnte das Gefühl nicht loswerden, dass der Mann in den letzten Jahren immer handzahmer wurde. Altersweise. In einem Interview mit dem Filmemacher Martin Martschewski, kurz bevor Bundestrainer Jürgen Klinsmann seinen Rivalen Jens Lehmann zur Nr. 1 im deutschen Tor erklärte, sitzt er in einem Lokal und sinniert über seine Anfangszeit als Torhüter beim Karlsruher SC. Erschrocken sei er da im Nachhinein gewesen über sich. Wie über die Maßen ehrgeizig er bereits mit jungen Jahren den Stammtorhüter Alexander Famulla verdrängte. Damals, Ende der Achtziger Jahre. Dann gibt Martschewski ihm das Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Kahn liest den Text sehr andächtig vor, schiebt ein etwas hilfloses „Ähm, gibt´s da auch ´ne Interpretation zu?“ hinterher. Doch er ahnt, dass es was mit ihm zu tun haben dürfte.
Der Ehrgeiz, der Wille, die Erfolgsgeilheit. Das war sein Credo, es hat Menschen angezogen oder abgestoßen. Oliver Kahn war wie Margaret Thatcher. Er polarisierte, es gab fast niemanden, der eine gemäßigte oder indifferente Meinung über ihn parat hatte. Es war sein persönlicher Käfig. Der Ehrgeiz und die Enge des Tores. Es konnte kein Zufall sein, dass er und der nimmersatte Rekordmeister FC Bayern München zueinander fanden.
Es gab durchaus gute Gründe, Oliver Kahn nicht zu bewundern. Er war ein Paradebeispiel dafür, wie der unbedingte Wille die Wesenszüge verformen kann. Wird sich daran noch jemand erinnern? Als er am 3. April 1999 im Dortmunder Westfalenstadion aus dem Strafraum stürmte, das Gesicht zu einer grotesken Kamikazefratze verzerrt, um den heraneilenden Stürmer Stéphane Chapuisat mit gestrecktem Bein vom Schuss abzuhalten? Wäre der Schweizer nicht im letzten Moment ausgewichen, es wäre vielleicht das letzte Spiel seiner Karriere gewesen. Reue? Quatsch! Die Bayernfans riefen beim DSF an: Unerhört, der arme Olli, der steht so unter Druck, der wird immer nur beleidigt, lasst den mal schön in Ruhe! Nun, andere Spieler wurden und werden auch oft beleidigt und stehen unter Druck, doch Oliver Kahn konnte auf eine solide Fanbase auch im Sportjournalismus bauen.
Natürlich war es der Erfolg, der immunisiert. In der Saison 1998 hatte Kahn ‚gerade mal’ einen Meistertitel geholt und den UEFA-Cup gewonnen. Er wollte unbedingt die Nr. 1 im deutschen Tor sein, doch Andreas Köpke saß fest im Sattel. Im Spiel gegen Borussia Mönchengladbach rannte er Jörgen Pettersson um. Dieser lag schmerzgekrümmt am Boden, Kahn stand einige Meter weiter und brüllte Richtung Schiedsrichter. Als ob er sagen wolle: „Was hab ich denn gemacht?!!“ Da schrieb NRZ-Redakteur Reinhard Schüssler noch einen Kommentar mit der Überschrift „Alarmstufe Kahn“. Konnte so jemand ein Vorbild für die kickende Jugend sein?
2002, nach Gewinn der Champions League und phänomenaler WM, packte er in einem Spiel den Leverkusener Thomas Brdaric am Nacken und schob ihn zum Schiedsrichter. Wie ein Hausmeister, der einen Rabauken beim Scheibeneinschmeißen erwischt hat. ‚Komm mal her, Bürschen!’, so sah es ungefähr aus. Für so eine Art Körperkontakt sieht das Regelhandbuch des Unparteiischen die Rote Karte vor, Kahn sah nur gelb. Die Medien hatten dafür fast nur noch ein Schmunzeln übrig.
War er es, der sich mit seinem einmaligen Können und seinem mitunter unmöglichen Verhalten in die Sphäre der Unantastbarkeit gespielt hatte? Oder hatte die schreibende und sendende Zunft ihn dorthin gehievt? Man weiß es nicht mehr so richtig, vermutlich beides. Es wird auch viel Trotz dabei gewesen. Jeder Augenblick, in dem der Torhüter die Bananenschalen aus seinem Kasten entfernen musste, die ihm gegnerische Fans immer wieder hinterher schmissen. Oder als ihm am 12. April 2000 ein Pöbler aus dem Fanblock des SC Freiburg einen Golfball an den Schädel warf, die Wunde blutete stark. In diesen Augenblicken muss es ihn nur noch mehr geschüttelt haben: euch zeig ich´s.
Es begann die Zeit, so um 2004 herum, in der Kahn immer schrulliger wurde. Seine Interviews verrieten ein ums andere Mal, dass er die Bodenhaftung längst verloren zu haben schien. Er wurde nicht mehr ganz so oft Meister, in Europas höchster Spielklasse lief auch nicht mehr viel. Zum Schluss hatte man fast das Gefühl, es sei ihm egal, was auf dem Platz geschieht. Altersmilde in fortgeschrittenem Stadium. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb man zum Abschied nur noch so wenig über seine dunkle Seite sagen mag.
Am 2. September 2008 verabschiedeten die Bayernfans einen Torhüter, der dreizehn Jahre lang alles getan hatte, den hypertrophen Anspruch von Verein und Fans auf Marktführerschaft und Unantastbarkeit zu festigen. Am 2. September 2008 sah man den letzten Gang eines Mannes, der alles für den Sport und den Erfolg getan hatte. Und der den Preis dafür gezahlt hat. Sieht man sein Bild, in Jahrbüchern, in Rückschauen, vor dem geistigen Auge, wird man sich immer fragen, ob der absolute Erfolg nur mit zerstörerischem Ehrgeiz zu haben ist. Und, ob es das wirklich wert ist. Am 2. September 2008 ging Oliver Kahn, an den man sich, wohl oder übel, immer wieder erinnern wird.





