Auf der Straße des 17. Juni drängeln verschwitzte Leiber aneinander, es ist der erste warme Tag seit vielen Wochen verlängerter Schafskälte. Überall warten Verkäufer mit Sonderausgaben von Spiegel, Stern und Zitty. Überflüssig zu erwähnen, wessen Konterfei vom Titelbild strahlt. Links und rechts stehen die Zelte, durch die man zur Rednerbühne an der Siegessäule gelangt. Schlüssel und Portmonee müssen abgegeben und Taschen durchsucht werden, hinter einem Metalldetektor wartet eine Sicherheitskraft zum Abtasten. Ein stiernackiger Security Guard mit verspiegelter Sonnenbrille raunzt die Leute an: „Nicht drängeln, verdammt!“. Im Hintergrund spielt eine Band luftigen Reggae-Pop. „Ihr seid heute hier, um große Worte von einem großen Mann zu hören: Barack Obama!“ Es scheinen viele Exilamerikaner gekommen zu sein, aus einigen Rucksäcken lukt die aktuelle Ausgabe von USA Today. Kurz vor 18 Uhr ertönt ausgerechnet „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones aus den Boxen. Ob ein Republikaner inkognito hinter dem Mischpult sitzt?
Nicht die deutsche Nationalmannschaft, nicht die Übertragung des Live8-Festivals, auch nicht die mittlerweile aus der Hauptstadt verbannte Love Parade hat die Menschen heute auf die größte Feiermeile der Republik getrieben. Nein, nur eine Politikerrede ist es, die es zu hören gibt. Und einen Blick erheischen können sie auf den Mann, der vielleicht der erste schwarze Präsident der USA wird. Den seine Anhänger als neuen Kennedy verehren. Der es geschafft haben soll, dass sich die amerikanischen Jugend wieder für Politik interessiert. Dass es da noch einen Kandidaten der Republikaner, einen gewissen John McCain gibt, der die Wahl im November ja auch gewinnen könnte, das scheinen viele irgendwie zu vergessen. Gerade hier in Europa.
Mit einer guten Viertelstunde Verspätung (die man auch als dramaturgischen Taschenspielertrick interpretieren kann) kommt der Kandidat der Demokraten. Dutzende von amerikanischen Flaggen werden geschwenkt, die einige Anzugträger Sekunden vorher in der Menge ausgeteilt haben. Nach dem Jubel herrscht Stille. Das Ambiente ist filmreif. Eine mächtige, in den Himmel ragende Siegessäule vor sommerlichem Sonnenuntergang, die Wolken in blasses Rosa getaucht. Und alle warten auf die großen Worte des großen Mannes.
Obamas Rede ist, man sollte am besten sagen: staatsmännisch. Allgemein, unverbindlich, niemandem weh tun wollend. Es war auch nichts anderes zu erwarten. Amerikanische Rhetorik in bester Tradition: symmetrische, wohlgeformte Sätze, gefühlige Metaphern. Der Mann erlaubt sich keine Fehler. Er weiß, welch immense historische und politische Bedeutung Berlin für die amerikanisch-deutschen Beziehungen hat. Mehr noch: Berlin, das ist das Symbol für die friedlich erkämpfte Freiheit. Für das Vereinen von dem, was vorher gegensätzlich schien. Das ist sein Credo. Deshalb spielt er die Rolle des Retters, der die Welt wieder mit Amerika versöhnen will, so perfekt.
Auch am fast absurden Supermann-Image, das ihn in die Nähe von hauptberuflichen Weltverbesserern wie Bob Geldof oder U2-Frontman Bono (Spitzname: Sankt Bono) rückt, hat er selbst gehörig mitgezimmert. Mit Blaulicht und protokollarischem Eifer galoppiert er an allen Brandherden des Erdballs vorbei: die drohende Kriegsgefahr im Iran, der Hunger in Somalia, der Völkermord in Darfur, Umweltzerstörung, Nuklearwaffen. Die Barrieren zwischen Christen, Juden und Moslems. Neue Mauern, die es niederzureißen gilt. Ein dickes Paket, das er da vor knapp 200.000 Zuschauern schnürt. Man fragt sich, ob er da nicht zu viele Fässer aufmacht.
Denn, man erinnere sich: er ist erst mal nur Kandidat. Würde er tatsächlich Präsident, warten genug Probleme und Versöhnungsarbeit im eigenen Land. Und: man weiß nicht, wie viel am Ende dieser ersten Amtszeit von dem Obama noch übrig bleiben würde, den die Welt in diesem Augenblick noch so heiß und innig liebt. Wer in den USA Präsident wird, muss sich mit mächtigen Lobbygruppen herumschlagen, deren Einflussmöglichkeiten enorm sind, die im Grunde den Takt im Land vorgeben. Und das sind genau jene Kräfte, die zur Zeit Seite an Seite mit Bush und den Neokonservativen stehen: Waffenverbände, Todesstrafebefürworter, Kreationisten, Abtreibungsgegner. Wirtschaftsverbände und andere Anhänger der Chicagoer Ökonomieschule, die soziale Hilfsprogramme per se für Teufelszeug halten. Wird Obama sie alle zufrieden stellen können, ohne sich dabei komplett verkaufen zu müssen?
Aber dazu müsste man erst den November abwarten. Und so gern die Europäer es gerne hätten: amerikanische Wähler lassen sich selten in ihrer Entscheidung davon beeinflussen, ob ein Kandidat im Ausland gut ankommt oder nicht. (In welchem Land ist das überhaupt so?) Natürlich ist seine Rede, sein Berlinbesuch, ein erfolgreicher PR-Schachzug. Nicht weniger, auch nicht mehr. Die Berliner scheinen das zu spüren, denn mehr als frenetischer Höflichkeitsapplaus ist an diesem Abend oft nicht drin. Die Menschen wollten ‚einfach mal gucken’. Wie er so aussieht, was er so sagt. Es ist ein Event, es haben nur die Würstchenbuden und Bierstände gefehlt. Man wollte den großen Sympathieträger sehen, der Amerikas ramponiertes Image wieder aufbrezeln soll. In Europa liebt man Obama, weil er genau das liberale Amerika verkörpert, das man hier immer haben wollte. Und das spätestens seit Bushs zweiter Amtszeit in weite Ferne rückte.
Doch selbst das Event als solches bleibt irgendwie fad, ohne sprühende Funken. Die große Schwachstelle seiner Rede. Das Andocken an Berliner Geschichte, die Luftbrücke, die Rosinenbomber, die Mauer, die rhetorische Reminiszenz an Ernst Reuter – alles Dinge, mit denen man heute noch so manchen alten Westberliner in Wallung bringen kann – an diesem Nachmittag löst es bei den Wenigsten irgend etwas aus. Man hat den Eindruck, dass Obama ein gut recherchiertes Referat zum Besten gibt. Alles ist drin, aber nichts berührt.
Dem einen oder anderen Zuschauer werden die Botschaften zwischen den Zeilen nicht entgangen sein. Zum Beispiel, dass man sich auf der anderen Seite des Atlantiks noch mehr deutsches Engagement in Afghanistan wünscht. Gerade in Deutschland täte man gut daran, sich im Falle des Falles an diese Worte zu erinnern. Der Mann war nicht nur da, um Grußkarten auszuteilen und Hände zu schütteln.
Nach einer halben Stunde ist es vorbei. Zwei Mädels schauen auf die Uhr und grinsen sich gegenseitig an: „Jetzt is' hoffentlich langsam Ende.“ Der große Hoffnungsträger gibt ein paar Autogramme, dann ist Schluss. Die Menschen trollen sich Richtung Brandenburger Tor. Einige wollen nicht so lange laufen und reißen einen der Zäune ein, der zum Stadtparkweg führt. Sie haben sich den bekannten Ausspruch von Ronald Reagan, „Tear Down this Wall“, wohl zu sehr zu Herzen genommen.





