Vier Monate im St. Adolf-Stift in Reinbek liegen hinter mir. Ich sitze auf dem Boden meines Hostelzimmers in Toronto, zu Hause in Deutschland ist es jetzt zwanzig nach eins, hier 19:20 Uhr. Meine Füße haben arg gelitten, mehr als in vier Monate Rennerei in der Inneren. Die vergangene Woche, meine letzte in Reinbek, habe ich schon verdrängt. Fast. Eigentlich hab ich einfach keine Lust, sie aufzuschreiben. Wird nachgereicht, versprochen. Denn spannend war sie durchaus, vor allem aber anstrengend. Aber eben nicht so anstrengend wie der Tag heute, und erst recht nicht wie der gestrige.
Ich bin also in Toronto. Der Emergency Room wechselt das Set. Vom alten Europa hin in die Neue Welt, von der Inneren in die Chirurgie. Und damit’s gleich richtig was zu schreiben gibt, haben mich die kanadischen Sicherheitsbehörden gestern gegrillt. Zumindest haben sie so getan. „We’re breaking our rules for you“, war mein Lieblingssatz. Kurz gefasst: Die wollten mich nicht reinlassen weil ich einen Wisch von der Botschaft nicht dabei hatte. Nein, ich habe ihn nicht vergessen, ich hatte ihn einfach noch nicht bekommen. Eineinhalb Extra-Stunden auf dem Pearson International Airport hat mir der Spaß eingebracht. „I can send you back, if I want to“, war noch so ein Satz, den ich den Herrn Officer gerne hätte in mein Poesiealbum schreiben lassen. Na ja, nach langer Diskussion haben sie mich dann doch reingelassen, auf kruden Wegen eine Arbeitserlaubnis für mich erwirkt und jetzt bin ich also offiziellst in Kanada willkommen.
Noch vier Tage, dann werden die mich noch mehr mögen – weil ich ohne Lohn für sie arbeiten werde. Bis dahin: little time for recreation – and for perfect news. Mein Vater hat mir heute den Wisch von der Botschaft per Mail geschickt. Lag einen Tag nach meinem Abflug im heimischen Briefkasten. Und es kommt noch besser: Sie brauchen keine Arbeitserlaubnis und können bedenkenlos einreisen. UAHHHHH!!!! Keep cool, Frau Escu. Alles gut. Kanada, ich bin da.
P.S.: Noch ein Nachtrag zum Heiligen Adolf. Ich hab vergessen, in Sachen Heiligkeit und Cäsar-Büste nachzuhaken. Halb so schlimm. In spätestens drei Monaten muss ich wieder nach Reinbek. So ein fieser Nadel-Angriff wie Ende April (blieb unerwähnt in all dem Erlebniswust, sorry, hab mich also beim Blutabnehmen gestochen, muss deshalb insgesamt drei Mal Blut abgezapft bekommen) muss sich ja auch lohnen – jedenfalls für euch Leser, der nicht genug hören kann über Adolf, Cäsar und die Liebeleien unter der Obhut der katholischen Kirche...
Folge 6
Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann es war, aber ich glaube, es war an einem Dienstag. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob es wirklich geschah, als wir im Raum waren oder doch erst einige Minuten später. Was bleibt ist das Gefühl, jemanden sterben gesehen zu haben. Als wir durch die Tür kamen, die Angehörigen nach draußen schickten, weil wir ihn in Ruhe visitieren wollten, machte er noch einen dieser japsenden, nicht wirklich tiefen Atemzüge, die Menschen machen, die dabei sind zu sterben. Wir waren zwei, drei Minuten im Zimmer – und es folgte kein weiterer Atemzug mehr. Sein bester Freund saß am Bett des Sterbenden, hielt dessen Hand, weinte, wir, standen am Fuße des Bettes und schauten auf diesen Mann, dessen Organe in den vorangegangenen Tagen allmählich versagt hatten. Friedlich fühlte sich das an, und auch traurig. Der Mann war Mitte 30. Viel zu jung um zu sterben. Aber der Krebs war stärker, auch wenn die Angehörigen lange gehofft hatten. Wir warteten schon seit einer Woche auf seinen Tod, gaben Schmerzmedikamente in Höchstdosen. Es klingt perfide, aber wir waren froh für den Patienten, dass er es endlich geschafft hatte, dass er sich nicht mehr quälen musste. Nur drei Stunden später starb noch einer unserer Patienten. Friedlich lag er in seinem Bett, eine leichte Frühlingsbrise wehte durch das halb geöffnete Fenster und ließ die Blätter der Rose, die die Schwestern ihm auf die Brust gelegt hatten, seicht tanzen als wir ins Zimmer kamen, um den Tod festzustellen wie es das Gesetz verlangt. Und auch hier hatte ich dieses friedliche, ruhige und ein wenig traurige Gefühl in mir. Er hatte es geschafft, nach zwei schweren letzten Wochen. Beide Patienten waren dem Tod seit Wochen viel näher als dem Leben. Wahrscheinlich fühlte sich der Tod deshalb so friedlich für mich an.
Ich war dabei, als bei einer Untersuchung der Krebsverdacht bei einer Patientin gesichert wurde. Ich hatte sie zur Untersuchung begleitet, versucht, ihr die Angst vor der Prozedur zu nehmen. Später hat sie gesagt, sie sei froh gewesen, dass ich dabei war, auch bei der Untersuchung. Als wir den Tumor sahen, schlief die Patientin. Als sie wach wurde, ahnte sie bereits, was einige Stunden später Gewissheit wurde. Am nächsten Morgen ging ich zu ihr und fragte, ob ich etwas für sie tun könnte. Sie drückte meine Hand, bedankte sich und verneinte. Nein, das müsse sie jetzt mit sich ausmachen. Ich habe noch mehrmals mit ihr gesprochen. Und was mich wirklich beeindruckt hat, war ihre Stärke. Nein, sie werde nicht aufgeben, sagte sie zwei Tage nachdem der Krebs diagnostiziert worden war. Und noch einen Tag später versicherte sie mir, dass sie das alles überstehen werde, die Chemotherapie, die Bestrahlung um den Tumor zu verkleinern, und auch die anschließende Operation. Ich bewundere sie für ihre Zuversicht, für ihre Kraft und ihren Willen.
Demnächst müsste die Operation anstehen. Aber ich weiß es nicht sicher, denn ich konnte ihren Fall nicht weiterverfolgen. Schade. Aber zumindest habe ich diese Patientin einige Tage betreut. Seit ich in der Notaufnahme arbeite, seit Ende April, sehe ich die Patienten, die ich aufnehme, befrage, untersuche, deren Untersuchungen ich plane, nur einige Minuten, vielleicht noch am Tag darauf, dann werden sie verlegt und verschwinden in den Weiten des Krankenhauses. Notaufnahme klingt nach Blut, Knochenbrüchen, Kotze und nach Wiederbelebung – und ist nur halb so aufregend wie George Clooney’s Emergency Room. Offene Wunden nach fiesen Autounfällen gibt’s bei den Chirurgen. Zu uns kommen die Menschen weil ihnen schwindelig ist, sie Durchfall haben, ihr Herz sich anfühlt, als raste es, wegen Bauchschmerzen oder wiederholter Ohnmacht, weil ihr Blutzucker zu hoch ist oder sie Angst haben, sie könnten eine Thrombose haben, weil ihr Bein seit 10 Tagen geschwollen ist, aber nicht weh tut.
Was folgt ist vor allem Routine: Blutentnahme, Nadel legen, befragen, untersuchen, Verdachtsdiagnose stellen, weiteres Vorgehen planen – drei-, vier-, manchmal auch fünf- oder sechsmal am Tag. Es macht irgendwie Spaß und ist vor allem eins: anstrengend. Weil die Patienten nicht hintereinander kommen, sondern gerne acht gleichzeitig. Weil viele froh sind, dass sich endlich jemand ihre Probleme anhört. Das ist eigentlich das wichtigste. Zuhören. Und Händchenhalten. Klingt jetzt zynisch – und ist doch gar nicht so gemeint. Kein Scherz, Händchenhalten nimmt einigen die Angst, anderen einen Teil der Schmerzen – weil sich keine so recht um sie kümmern kann im Pflegeheim, oder weil ihnen schon lange keiner mehr glauben will, dass sie Schmerzen haben. Vielleicht ist das die Take-home-Message für mich nach 14 Wochen Innere Medizin: Hör den Menschen zu und nimm ihre Probleme ernst.
P.S.: Ich wollte noch über gute Nachrichten für mich schreiben. Und welch Glück, es sind auch gute Nachrichten für die Leser. Vom St. Adolf-Stift geht meine Reise am 4. Juni weiter in Richtung Kanada, genauer nach St. John’s in Neu-Fundland, der östlichsten Stadt Nordamerikas. Böse Zungen könnten jetzt sagen: Vom einen Nirgendwo zum nächsten. Ich sage: Juhu.
Folge 5
Kurze Woche, kurzer Eintrag. Drei Tage war ich vergangene Woche im Krankenhaus. Und ganz ehrlich, die Reaktion auf den Patientensatz „Ich will nach Hause“ geht mir mittlerweile aber so was von leicht über die Lippen: „Ich auch!“ Man, man, man. Am Freitag hat eine Dame im stolzen Alter von 99 drei Viertel den Fensterplatz einer 98-Jährigen übernommen (übernommen heißt nicht, dass die andere Damen verstorben ist, nein, wir haben sie entlassen). Ich geh kaputt. Das Alter macht mich fertig. Mein eigenes manchmal auch. Aber immerhin hat der Kontakt mit den graumelierten Herrschaften den Vorteil, dass man sich blutjung fühlt, quasi wie zehn. JUNGSPUNT, jeder, der auf Station arbeitet.
Allerdings fühl ich mich was meine Bettzeiten anbelangt eher so alt wie meine Großmutter – und die ist stolze 87. An fünf Tagen die Woche stehe ich um sechs auf, an sechs gehe ich um zehn ins Bett. Sonntags ist’s am schlimmsten: Tagesschau, Tatort, totale Aufgabe.
Und aufgeben werde ich jetzt auch. Ich muss schlafen. Tschuldigung. Morgen ist ein neuer Tag. Und nächste Woche gibt’s mehr zu erzählen, vor allem Blutigeres. Gestern und heute ist mehr passiert, als in der gesamten letzten Woche. Jetzt: Totalaufgabe.
Folge 4
Ja, ich weiß, für eine Bloggerin war ich schreibfaul. Aber mal ehrlich, welcher von mir hoch geschätzte Leser wollte nach zehn Stunden Arbeit für die er nicht bezahlt wird und bei der es auch noch nach Urin und breiigem Stuhl riecht jede Woche schreiben. Höre ich ein „Ich würd’s machen“? Sofort melden. Für einen Ghostwriter könnte ich noch fünf Euro pro Monat abzwacken. Ich würde es zumindest versuchen. Na ja, und ich wollte nicht unbedingt jedem auf die Nase binden, dass ich mein Sportprogramm in Woche vier quasi eingestellt hatte. Nur quasi. Ausgleichen kann man so was ja durchaus...
Leider Gottes ist auch nicht viel Schreibenswertes passiert in den vergangenen zwei Wochen. Oder habe ich die Erinnerung in den letzten Tagen schlicht verschlafen? Seit Freitag war ich nicht mehr beim Adolf. Das sind vier Tage, VIER Tage. Wahnsinnsgefühl! Wie Urlaub. Nur kälter. Dafür werde ich heute Abend der Vorlesung von Dr. House lauschen – und den spannenden Teil nicht verschlafen (wie vergangene Woche). Falls mir jemand erzählen kann, an was genau diese Schwangere gelitten hat, möge er sich melden. Danke.
Zurück zu Adolf. Und zu meinem großen Entsetzen muss ich im gleichen Absatz etwas beichten. Adolf ist nicht Adolf. Also Adolf mit dem stechenden Blick. Statt dem Heiligen Adolf prangt in der Kantine der gute Caesar auf dem Sockel. Hat mich ein anderer PJ’ler drauf hingewiesen. Aber irgendwo gibt es sicherlich ein Abbild des Namensgebers. Ich werd’s finden. Und ich werde der Frage nachgehen, was der gute Caesar bei uns am Futtertrog verloren hat und ob er Vegetarier war.
Ach, ich soll an dieser Stelle ja soapmäßig aus dem spannenden Krankenhausalltag erzählen. Um eines mal grundsätzlich klarzustellen: Das St. Adolf-Stift ist nicht die Sachsenklinik. Wir können nicht alles, vor allem nicht gleichzeitig. Internisten können Medikamente aufschreiben, Chirurgen schneiden, Gynäkolgen Kinder auf die Welt bringen. Aber keiner kann gleichzeitig den Hochdruck im Auge diagnostizieren, Hämorrhoiden entfernen, parallel einen Gehirntumor, das Zucken im Bein beseitigen und die Gesprächstherapie über die zweite Persönlichkeit namens Heinz führen. NEIN. Krankenhaus ist kein Spaß.
Manchmal vielleicht. Wenn die eine Schwester fragt, was wir davon halten würden, wenn sie Gott heiratet. Ich darauf: „Ganz ehrlich? Das traue ich dir nicht zu.“ Sie: „Wie, also...“ Der Satz wird von der Klingel unterbrochen. Die Dame in der 37 muss aufs Klo. Die Schwester kommt wieder. Sie: „Also, wie meinst du das.“ Ich: „Na das mit dem keusch Sein. Das nehm ich dir nicht ab.“ Ein Lächeln, dann sagt sie: „Mmh, vielleicht hast du Recht.“ Eine andere Schwester fällt ein: „Also ob die Priester...“ STOPP. Nicht weiter. Ist ein christliches Haus. Jedenfalls hat sich auf Grundlage dieser Gesprächsfetzen eine ausführliche Diskussion über Geschlechtsverkehr, Sex im Talar, Sex im Allgemeinen und Sex mit unerfahrenen Männern entwickelt. Leider fiel nie auch nur ein Wort von Sex im Bettenlager, im Schwesternzimmer, im Arztzimmer oder sonst wo im Krankenhaus. Verdammt. Nicht, dass ihr euch für solche Geschichten gedulden müsst, bis ich ins Uniklinikum wechsle. Dem ein oder anderen Arzt eilt sein Ruf schon voraus: Er verführe die PJ’lerinnen reihenweise...
Sex, Crime and Rock'n Roll (Folge 3)
Die Zeit schleicht. Woche drei ist geschafft, die PJ'lerin auch. Der Tag besteht aus Blutentnahmen, Visite, Papierkrieg und schier endlosen Telefonaten. Und: Langsam fängt die Gerüchteküche an zu brodeln.
Sex, Crime and Rock’n Roll – haben wir alles nicht im St. Adolf-Stift. Jedenfalls nicht auf der Gerontolo..., oh, ‚tschuldigung, Inneren. Der Tag ist schon spaßig, wenn eine Patientin ständig „Schwestä“ ruft.
Oder alle Damen auf Station rätseln, ob der leicht gebräunte Pfleger O. an einer Schilddrüsenüberfunktion leidet – weil er auf dem Foto vom letzten Betriebsausflug noch mindestens zehn Kilo mehr auf den Rippen hatte.
Was diese Woche noch geschah: Nach 24-stündigem Notarztdienst schlug Dr. B. in der Visite vor, dass Dr. House, dieser egozentrischen Kotzbrocken von Fernseharzt, der Patienten gesund macht, ohne sie anfassen zu müssen, doch nächster Gesundheitsminister werden sollte. Und: Es gibt Gerüchte. Die Blonde soll was mit dem immer leicht gebückt Laufenden haben. Unbestätigt. Ich glaub nicht dran. Auch wenn neulich ein leeres Ritter-Sport-Mini-Papier mit einem Smiley drauf im Arztfach lag... Ich werde die Sache beobachten.
Adolf is watching me (Folge 2)
Woche zwei ist vorbei und die Antwort auf die Frage nach dem Heiligen Adolf zur Hälfte gefunden. Aber sie wirft neue Fragen auf. Außerdem: Ein neuer Name fällt, Dr. B., Herr der Zahnlosen.
Der Heilige Adolf hat einen Knochen durchdringenden Blick. Ich glaube, er war Vegetarier. Und jedes Mal, wenn auf meinem Teller ein schönes Stück Fleisch die Soße in Richtung Tablett verdrängt, fühle ich seinen stechenden Blick in der Seite. Adolf steht in der Kantine, bräsig prangt er auf seinem Sockel. In Bronze gegossen mit tief sitzenden Pupillen – aber ohne Rotzbremse unter der Nase. Nein, der Heilige Adolf hatte keinen korrekt rechteckig rasierten Oberlippenbart. „Der hat irgendwas mit der Heiligen Elisabeth zu tun gehabt, irgendwann zwölfhundertirgendwas“, hat mein Oberarzt Anfang der Woche beim Mittagsmahl verkündet – und Dr. B. war der Erste, der mir überhaupt eine Antwort auf die Frage geben konnte, wer der Namensgeber meines aktuellen Arbeitgebers war. Aber mehr wusste er nicht.
Musste ich also googlen. Das Ergebnis:
Heiliger Adolf von Osnabrück
Geboren um 1185, vermutlich in
Tecklenburg (Kreisdekanat Steinfurt),
gestorben am 30. Juni 1224.
Der Sohn des Grafen Simon von Tecklenburg wurde schon in jungen Jahren Kanonikus in Köln. Später trat er dem Orden der Zisterzienser in der Abtei Altenkamp am Niederrhein bei. Im Jahr 1216 wurde Adolf zum Bischof von Osnabrück gewählt. Er füllte dieses Amt mit großem Eifer aus, reformierte die Verwaltung des Bistums und sorgte für eine geistige Erneuerung. Gleichzeitig sicherte er den Bestand vieler Klöster durch große Schenkungen. Nach seinem Tod am 30. Juni 1224 wurde Adolf im Osnabrücker Dom beigesetzt.
Mein ehemaliger Mitbewohner Björn – er studiert evangelische Theologie, das sollte ich vorweg schicken – bemerkte dazu, etwas süffisant, wie ich meine: „Und wo, bitte, sind die WUNDER?!? Marienerscheinungen, Totenerweckungen, wenigstens ne klitzekleine Heilung eines Gelähmten? Was soll das denn sonst für ein läppischer Heiliger sein?!?!?“ Meine Recherche müssen also weitergehen.
Aber das hier soll ja eine Soap werden. Und dafür braucht’s Protagonisten. Aber ich will nicht zu viele auf einmal einführen. Und wie genau der Hase in dem Laden läuft, hab ich auch noch nicht raus. Also beschränke ich mich heute auf Dr. B.
Dr. B. ist der Oberarzt für die Station, auf der ich im Moment Vampir spiele. Oberarzt der Geriatrie, könnte man sagen, aber das tue ich nicht. Die Station liegt passenderweise neben der Entbindungsstation. Einziger Unterschied: Die Windeln bei uns sind größer. Das Durchschnittsalter der Patienten liegt bei gefühlten 102 Jahren. Real wahrscheinlich bei 78 oder 80.
Dr. B. jedenfalls ist Herr der Zahnlosen. Und Freund der Ruhe („Ruhig, bei uns wird nicht gerannt“, hat er mir bei meiner ersten Oberarztvisite entgegen gerufen, als ich in meinen 35-Euro-Kinderlaufschuhen über den Flur joggte). Kenn ich nicht, diese Art. Ich bin eigentlich auf manisch bis cholerische Oberärzte gepolt. Aber die sind in der Inneren Medizin scheinbar nicht so reichlich gesät. Aber keine Angst, über Schreiattacken werde ich an dieser Stelle sicher auch berichten – wenn ich in vier Monaten von der Inneren Medizin in die Chirurgie wechsle.
Zurück zu Dr. B.: Sein Bauch tendiert Richtung Unterkantegürtelschnalle, sein Haupthaar ist reduziert. Ich schätze ihn auf Anfang vierzig. Sein Hobby ist sein Auto. Englischer Sportwagen, 27 Jahre älter als mein Taxi. Irgendwie ist er damit vergangene Woche durch den TÜV gekommen. Dr. B. weiß selber nicht wie. Gut für uns – am Tag darauf war seine Laune prächtig.
Dr. B. ist der Held des Nachtisch-Klaus. Aus sicherer Quelle wurde mir zugetragen, dass er gegen zwölf gerne in die Stationsküche geht und die übrig gebliebenen Puddings vernascht. Er rotiert wohl gerne – soll heißen erst auf der einen Station ein, zwei Schälchen, dann auf der nächsten. Und ja, das Gerücht stimmt. Ich hab’s gesehen. Bei uns zwei. Und eine Stunde später habe ich ihn beim Mittagessen getroffen. Das Mittagessen, bei dem mich die Blicke von Adolf das erste Mal gespürt habe. Vielleicht war Adolf im vorherigen Leben, also vor der Heiligkeitsphase, Elektriker. Nächste Woche mehr, von Adolf, Dr. B. und den Irren und Wirren der zwischenmenschlichen Beziehungen in Reinbek. Ich glaube, da bahnt sich was an (nicht bei mir!)...
Weißkitteln für Anfänger (Folge 1)
Flocke war gestern. Ab sofort wöchentlich auf streitBar: Weißkitteln für Anfänger - die Klinik-Soap. Frisch aus dem Leben unserer unverbrauchten Jungärztin-in-spe Christina Stefanescu. Folge 1: Ankommen.
Meine erste Woche als Knecht. Ich nenne es: Weißkitteln für Anfänger.
Offizielle Bezeichnung für meinen aktuellen Status: Medizinstudentin im Praktischen Jahr. Das Dekanat der Uni Hamburg hat mich nach Reinbek geschickt. Dazu auskotzen werde ich mich an dieser Stelle erstmal nicht. Hab ich mündlich schon fünf, sechs Mal getan, das reicht. Immerhin, Reinbek gehört noch zum Großbereich des HVV, ich muss kein Zusatzticket ziehen. Dafür brauche ich mit der S-Bahn inklusive Fußwege eine Stunde bis zur Arbeit. Welch ein Glück, dass ich mein Taxi noch habe. Das Taxi ist mein Auto, ein alter Mercedes, 19 Jahre hat er auf der Achse, Diesel, schön weiß, von einem Rentner gekauft. Mit dem Taxi dauert’s nur zwanzig Minuten bis nach Reinbek. Macht vierzig Minuten Zeitersparnis – entscheidende vierzig Minuten, wenn der Arbeitstag um 7.15 Uhr beginnt.
Wie bereits gesagt, ich bin Knecht. Knecht der Inneren Medizin. Ich nehme Blut ab, schiebe Nadeln in Arme, damit literweise Infusionen in die Patienten laufen können, lausche mit dem Stethoskop nach Lungen- und Herzgeräuschen und schiebe den Zeigefinger meiner Rechten in Hintern. Toll. Ehrlich. Dafür bekomme ich 175 Euro pro Monat. Das sind 175 Euro mehr als im Uniklinikum. Immerhin. Ansonsten erwähnenswert: Das Essen ist gut, die Kollegen sehr nett. Mein Schlaf ist tief und setzt immer früher ein. Der Spaß dauert ab jetzt noch ein Jahr. Juhu. Die nächsten vier Monate werde ich hier über den St. Adolf-Stift in Reinbek schreiben. Und fragt mich nicht, wer der Heilige Adolf war. Ich weiß es nicht. Aber ich werde es herausfinden – irgendwann in den kommenden 15 Wochen in Reinbek.
Leserbriefe
Von: Lena
Verehrte Frau Kollegin, Sie sprechen mir aus der Seele! Freue mich schon auf die nächsten Folgen. Dann kann ich vielleicht auch auf die poststationär obligatorischen Gilmore Girls verzichten. ;)
[3.4.2008]






