STREITBAR

Nachschlag

von Christian Störmer

Chaostage in Berlin pünktlich zum 1. Mai - das war eigentlich schon ein Ritual. Dieses Jahr blieb aber bei einem friedlichen "MYfest" - fast. Christian Störmer schaut nach einer Woche zurück und kann inmitten zerborstener Fensterscheiben schon wieder Eis essen.

Die Tonnen sind aus, der Rauchgeruch hat sich verzogen. Die Sonne scheint und die Marktstände – vom Obstvietnamesen bis zum schlesischen Pferdemetzger – haben ihre Planen zurückgeschlagen. Es schlägt den achten Mai, seit einer Woche ist das Berliner MYfest vorbei. Bilanz?

Durchwachsen. Friedlich feierten in Kreuzberg einige tausend Menschen in den ersten Mai. Weniger friedlich versammelten sich ein paar hundert Punkrocker in Friedrichshain. Dazwischen die Oberbaumbrücke und drumrum 5.500 Polizisten. Die Strategie: „Wir wollen die friedlich feiernden Menschen von den Krawallmachern trennen,“ lässt die Berliner Polizei verlauten. Die Herren und Damen waren dieses Jahr übrigens fast so bunt wie ihre Gegenüber, grüne aus Berlin, schwarze von irgendwoher, und blaue aus Hamburg. Nur die Farbe natürlich.

Ich bin auf dem Weg zum Boxhagener Platz. Als direkter Nachbar ohnehin der Beschallung ausgesetzt mische ich mich unters Volk. Bevor ich mich durch die deutsche Punkrockszene wühlen darf, muss ich mich durch ebenso viele Polizisten wühlen, und mehrfach von oben bis unten abtasten lassen. Die Kamera darf ich gleich wieder nach Hause bringen, wegen des Metallgehäuses. Mein Nebenmann hat Probleme, die Wodkaflasche unter seiner Jacke zu erklären, seine Kumpels sitzen derweil vorm Kiosk und füllen Bier in Plastikcolaflaschen um.

Ohne Kamera darf ich schließlich passieren. Es ist 22:00 Uhr und taghell. In meiner orangen Outdoorjacke fühle ich mich ziemlich deplaziert, alles um mich rum ist unten schwarz und oben bunt oder kahl. Die Musik ist laut, politisch, der Sänger hat die zweite Hälfte seines Bierkastens wohl an den Drummer verschenkt, der Rhythmus wird jedenfalls freier, ebenso wie die Tanzstile des Publikums. Und ich dachte eigentlich Pogo wäre tot. Zwei Mädel, die sich beim Knutschen mit ihren Iro-Frisuren verhakeln lassen mich widerstrebend am Rand des Bühnenwagens vorbei. Dreckig aber fröhlich denke ich mir, und auf jeden Fall sympathischer als die Loveparade, die wir Berliner ja dieses Jahr doch wieder ertragen dürfen.

Gegen Mitternacht verschwinde ich, man will ja nicht angezündet werden. Die Stimmung kippt, ein paar brennende Tonnen und Müllcontainer müssen wohl jedes Jahr dran glauben. Nur das große Brückenschlachten blieb diesmal aus. Die Polizei war zufrieden, die Szene auch, jedenfalls am nächsten morgen. „Voll aufs Roää, ey. Geile Feier, den hamwas gezeicht, höhöhö“ (der Redner hebt schwungvoll ein Sternburg-Pils, dessen halber Inhalt sich bei den letzten Worten auf sein stacheliges Haupt ergießt).

Heute gehe durch Kinderwagenschiebende Jungfamilien über den Wochenmarkt. Ein paar Glasscherben liegen noch in den Büschen. Gleich werde ich mich mit Freunden aus Hamburg ins Café an die Ecke setzen und einen Milchkaffee trinken. Ein perfekter Ort dafür, zumindest bis nächstes Jahr Walpurgisnacht.

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Fotos: Danny Ibovnik, der in Kreuzberg scheinbar weniger gut bewacht wurde.