STREITBAR

Mein Deutschland ist da, wo mein Handy ist

von Lara Fritzsche

Nachts. Das Handy klingelt. "Sag mal, findest du mich niveaulos?" - "Ich schlafe!" - "Du brauchst doch nur Ja oder Nein zu sagen." - "Och neee, nicht jetzt." - "Also: Ja.". Lara Fritzsche beschreibt in eindringlichen Bildern, wie das Mobiltelefon das Leben junger Deutscher längst verändert hat. Mit ihrem Beitrag für den Kölner Stadt-Anzeiger wurde sie dieses Jahr mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten ausgezeichnet.

streitBar veröffentlicht den Gewinnerbeitrag des Axel-Springer-Preises für junge Journalisten 2006 in Originallänge. Kategorie Print. Erstveröffentlichung: Kölner Stadt-Anzeiger.

23:30 - 13 Anrufe in Abwesenheit. In der Bahn Richtung Friesenplatz klingelt es schon wieder. "Unbekannter Teilnehmer ruft an." Ist mir zu heikel. Da geh ich aus Prinzip nicht dran. Karibik-Sound heißt die Melodie, aber Entspannung klingt anders. Ich stelle den Ton leise, es vibriert nur noch in der Jackentasche. Als ich vor zwei Jahren dieses Handy ausgesucht habe, war das mein Hauptanliegen. "Willst du einen Terminplaner?" hat der Ladenbesitzer gefragt. Nein, nur dass man den Anruf unterdrücken kann, ohne dass es der Anrufer merkt. Meine Wahl rentiert sich täglich. Nicht annehmen müssen, aber registrieren. Die kontrollsüchtige Alternative zum Ausschalten.

23:46 - Starbucks am Friesenplatz. Die anderen sind nicht mehr da. Aus meinem DIN-A-5-Täschchen krame ich mein Handy hervor - ganz verklebt von ausgelaufenem Make-up, nicht mehr vollständig verpackten Bonbons und Lipgloss. Mit dem Daumen drücke ich die 3, dann wählen. Miriam ist eingespeichert. Sie meldet sich mit "Barrios". Der Name eines Restaurants am Ring. "Ok", kann ich gerade noch sagen, dann legt sie auf. Ich gehe los, Horden von Partywilligen kommen mir entgegen. Sie nehmen den gesamten Bürgersteig in Anspruch, schubsen sich gegenseitig hin und her, brüllen. Hauptsache laut. Mein Handy klingelt. Ein Siemens C55 gilt hier längst als antik. Am Ring wird die Klappe aufgemacht. Miriam ist wieder dran. "Was willst du? Die Bedienung ist grad da." Sie ist der Organisator, weil sie immer pünktlich ist. Als Einzige. Das Handy hat uns zum latenten Zuspätkommen erzogen. Man kann ja immer nachkommen - und die Bestellung vorausschicken.

Mein Deutschland ist da, wo mein Handy ist. Seit meinem 14. Geburtstag bin ich der Mobiltelefonie verfallen, habe ich ein Handy an meiner Seite - rund um die Uhr. Bin immer erreichbar, nie ungestört. Es ist ein Abhängigkeitsverhältnis, ganz klar, ich mach mir da gar keine Illusionen. Aber ich hatte es mir ja so gewünscht. Die übrigen Geschenke hab ich pflichtbewusst aufgerissen - die letzte Verpackung zelebriert: ein blaues Nokia 5110 mit Prepaid-Karte. Seit diesem Tag bin ich so gut wie immer und überall erreichbar. Ohne Handy fühle ich mich ausgeschlossen. Ohne Handy hätte ich keine Verabredungen.

23:57 - Als ich das "Barrios" erreiche, ist mein Caipirinha schon da. Joyce fehlt noch. "Habt ihr schon mal durchgeklingelt?" Eben war sie noch zu Hause, heißt es. Wir sitzen an dem runden Tisch mit den wackeligen Beinen: Alles wie immer. Vier Stühle, drei Mädels, drei Handys. Was wir machen, steht noch nicht fest. Die Planung beginnt erst. Jede stellt ihr Angebot vor. "Mich hat eben der Tim angerufen, die gehen in den Stadtgarten. So gegen eins." - "Ich könnte mal bei Lena anrufen, ob die heute mit ihren Mädels unterwegs ist." Die Möglichkeiten werden verglichen. Absagen werden wir erstmal nichts - ruhig alle Optionen offen halten. Immer ganz spontan und bloß nicht verbindlich, das ist die Devise.

Joyce kommt durch den schmalen Gang zwischen Theke und Tischen. Sie rollt ihre braunen Augen, ihr Mund ist oval geöffnet. Sie stöhnt. "Was für ein Stress", begrüßt sie uns. Das sagt sie immer, selbst wenn sie als Letzte kommt und ihr niemand telefonisch Druck gemacht hat. Sie ist eine Stunde zu spät. Wir sagen nichts. Sie holt ihr Handy aus der Jackentasche, legt es auf den Tisch und hängt die Jacke über die Lehne. Wir sind komplett: Vier Mädels, vier Handys. Das sind die Ausgehvoraussetzungen für heute Nacht.

Ja, ich weiß, dass man ein Handy auch ausschalten kann. Aber die Gefahr, dadurch etwas Wichtiges zu verpassen, lässt mich diese Möglichkeit selten nutzen. Nur zu besonderen Anlässen hab ich das Handy schon mal ausgeschaltet: wenn ich bei meinem Cousin im Krankenhaus war, beim Bewerbungsgespräch für die Uni, auf der Beerdigung meiner Tante oder im Flugzeug nach Indonesien. Kaum angekommen auf der Urlaubsinsel - Handy wieder an. Und mit Blick auf einen türkisen Ozean schreibe ich SMS nach Köln. Selbst im Urlaub herrscht keine Ruhe: ein penetranter Ton, eine übersättigte Displayfarbe.

Seit ich mein Siemens C55 habe, ist blau eine Signalfarbe, die mich nervös macht. Mein Handy klingelt nicht einfach, es quiekt einen Rhythmus, es vibriert hektisch. Und ich hab Stress. Ich bin konditioniert auf eine Farbe und einen ätzenden Südsee-Ton, der aber immerhin kostenlos ist. Ein Jamba-Abo auf Handy-Lebensdauer, darauf lass ich mich nicht ein. Auch nachts lasse ich das Handy an. Die Handystrahlung ist gerade während des Schlafes besonders gefährlich - aber die nächtlichen Anrufe sind häufig die schönsten. Die Klassiker: (verschlafen) "Ja?" - (aufgedreht) "Sag mal, findest du mich niveaulos?" - "Ich schlafe!" - "Du brauchst doch nur Ja oder Nein zu sagen." - "Och neee, nicht jetzt." - "Also: Ja." Die zweite Möglichkeit, die sich häufiger ereignet, als man intelligenten jungen Frauen zutrauen sollte: (verschlafen) "Ja?" - "Ich glaub, ich bin schwanger." - "Ich schlafe." - "Das Kondom ist gerissen." - "Och, nee." - "Sag doch mal was. Was soll ich jetzt machen?" - "Geh erst mal pennen." - "Toll." (legt auf)

Handyianer kennen keine heiligen Zeiten. Auch Kurzmitteilungen nach Mitternacht sind sehr aussagekräftig. Sie enttarnen entweder ein Rechtschreib- oder ein Alkoholproblem - häufig beides. Zudem sind sie meistens zu ehrlich. Meine Freundinnen und ich haben hier eine Vereinbarung getroffen. Keine "harmlose" Kontaktaufnahme mit dem unvergessenen Ex-Freund und vor allem keine aufdringlichen Liebesschwüre an den aktuellen Anwärter. Um morgendlichen Blamagen zu entgehen, legen wir die Handys beiseite, wenn wir getrunken haben oder aus anderen Gründen viel zu gut gelaunt oder viel zu verzweifelt sind. Die eine hält die andere davon ab, Nachrichten abzuschicken. Diese Regelung funktioniert meistens recht gut. Nächtliche SMS bekommen ist was anderes. Das lieben wir.

1:30 Sixpack, Aachener Straße. Wir stehen im Halbkreis, drei blonde Köpfe mit rötlichem Schimmer und Joyce - ihrer beinahe schwarzen Krause kann das rote Schummerlicht nichts anhaben. Joyce und ich bleiben beim Caipirinha, Miriam nippt hin und wieder an ihrem Becks Gold. Sie trifft heute Nacht noch ihren Freund, da trinkt sie weniger als sonst.

Miriam schielt schon nervös aufs Handy. Der Freund ist heute mit seinen Kumpels unterwegs und die Antwort auf ihre Ortungs-SMS à la "wo bist du?" oder "sehen wir uns gleich noch?" lassen verdächtig lange auf sich warten. In der linken Hand hält sie ihr Handy. Tippt. Der linke Daumen huscht über die Tastatur. Hinsehen muss sie nicht, brächte auch nichts bei dem Licht. Miriam hat keine Tastenbeleuchtung. Die piepsigen Tastentöne hat sie ausgestellt, hier könnte man sie ohnehin nicht hören. Bei meinem eigenen Handy kann ich die Tasten am Drück-Geräusch erkennen. Der Unterschied zwischen einer gedrückten Ziffer sieben und einer neun ist hörbar: Die Taste sieben, mit den Buchstaben p, q, r und s ist ausgeleierter als die neun. W, x, y, und z brauch ich fast nie.

Annika lehnt an der Bar, ihr linker Fuß hat vollen Bodenkontakt, aber ihr rechter Fuß scheint die Erde nur anzutippen. 17 Jahre Ballett haben ihre Haltung geprägt, nicht aber eine vornehme Zurückhaltung. Gerade kneift sie ihr Gegenüber in die Seite. Er lacht. Wir anderen mustern ihn. Für meinen Geschmack: "Viel zu glatt". Marke: Tänzer. "Du bist aber rangegangen", kommentiert Joyce trocken, als Annika zurückkommt. Ihre Handynummer hat sie auch rausgegeben, obwohl sie "so was sonst nie" macht. Ein "Schön dich kennen gelernt zu haben, es war wirklich nett. Meld mich Montag" noch am selben Abend, wird offiziell belächelt, aber insgeheim gefeiert - und im Ego-Archiv auf ewig abgespeichert.

Mein Deutschland ist da, wo mein Handy ist. Nicht etwa, weil ich mich übermäßig für ein bisschen Technik begeistere - und es handelt sich wirklich nur um ein bisschen Technik: Keine Spiele, kein Internet. Nein, dieses Stück Plastik, Plexiglas und Elektronik ist mein ständiger Begleiter. Ohne mein kleines Silbernes geh ich nicht raus.

Es beinhaltet alles, was wichtig ist, was Deutschland ist: Familie, Freunde. Nicht wegen der gespeicherten Telefonnummern, sondern weil es voller Möglichkeiten steckt - einander anzurufen, zu reden, zu trösten, zu lachen, zu lieben. Dabei zu sein, wenn etwas passiert. Andere an den eigenen Abenteuern teilhaben zu lassen. Denn ein Erlebnis macht doppelt Spaß, wenn man davon berichten kann, noch während es passiert. Bei Konzerten Freunde anrufen und sie mithören lassen. Das Handy konserviert das Erlebnis. Fotografieren! Filmen! Speichern! Haben!

Ich, mittendrin in der Mitteilungsfalle: Auf meinem ersten Festival schreie ich gegen "Die Ärzte" an, um meiner Freundin mitzuteilen, dass es "so geil" ist. Ich melde ihr ein "gutes Gefühl" nach der Uni-Aufnahmeprüfung. Sie meldet mir ihr erstes Mal. Meine Freundin Joyce schmeißt ihre Ausbildung im Hotel, Johanne ergattert endlich ein Visum für Bangladesh, Annika absolviert ein Vortanzen an der Tanzhochschule in Arnheim - ich erfahre es sofort. Und ich: Hab ne Fünf in Mathe, Ärger zu Hause, zugenommen, ne eigene Wohnung gefunden, ausgezogen, abgenommen, Schluss gemacht - und sie erfahren es sofort.

2:50, Päff: Miriam und ich haben uns in den hinteren Teil der Bar auf die gepolsterte Sitzgruppe zurückgezogen und wälzen Beziehungsprobleme - auf Grund des erhöhten Alkoholpegels noch offener als sonst. Akutes Problem: eine SMS jüngeren Datums im Handy des Freundes. Eine mysteriöse Jule bedankt sich für irgendeinen "total schönen Abend" und verabschiedet sich mit einem "Bussi ;-)". Erregung pur. Wir rätseln hin und her. Kennt er sie? Schreibt er ihr auch? Was für ein schöner Abend? Waren sie allein?

Joyce kommt nach hinten, inzwischen nur noch im Seidentop - die Meisterin des Zwiebelprinzips. "Wie lange bleiben wir noch?", fragt sie. Das aufgeklappte Handy in der rechten Hand, macht sie mit der linken eine kreisende Bewegung, um uns anzutreiben. Eine Freundin ist am Handy. "Die kommt vielleicht gleich noch vorbei. Sind wir noch was hier?" Wir nicken. Klar. "Bleib dran", schreit Joyce ins Telefon und verschwindet wieder in der schwitzenden Enge Richtung Ausgang.

Wir widmen uns wieder dem "Bussi ;-)". Vielleicht ist ja hinterher doch alles ganz harmlos? Misstrauen ist trotzdem angesagt. "Als ich angerufen hab, ging da so ein piepsiges Mäuschen dran." Ihn drauf ansprechen? Verzwickte Situation. Schließlich weiß der Gute noch nichts von der eifersüchtigen Spionage. Ein Handy prall gefüllt mit Informationen auf Tagebuch-Niveau, aber leichter zugänglich. Es ist so einfach. Klappe auf und mal kurz die SMS lesen oder die zuletzt gewählten Nummern checken. Alles sofort erfahren können - auch ein Problem.

Sie traf mich, damals 16-jährig, total unvorbereitet. Im Sprachurlaub in Nizza mit anderen europäischen Jugendlichen. Feiern, Sonne, Strand und ein bisschen Französisch. In einer völlig anderen Umgebung, in einem anderen Rhythmus, auf einmal diese SMS aus der Heimat: "Dein Cousin Florian hat Krebs. Vermutlich noch Anfangsstadium, Heilungschancen. Sind hingefahren. Mach dir nicht zu viele Sorgen."

Was für ein Ratschlag. Da sitz ich nun in Südfrankreich, allein gelassen mit ein bisschen Plastik in der Hand und einer Nachricht, die mich total überrumpelt - und endlos überfordert. Kommunikation komprimiert. Kann nicht helfen, kann nichts tun und niemanden erreichen. Weder meinen 19-jährigen Cousin noch meine Eltern oder Großeltern. Keine Möglichkeit nachzufragen, was das denn bedeuten soll: "Heilungschancen." Etwa, dass der Flo, der mich Jahr für Jahr geduldig auf die Bundesjugendspiele in der Schule vorbereitete, mir minderjährig Auto fahren und - ganz früher - zählen bis eine Million beibrachte, dass dieser Flo ebenso wahrscheinlich nicht geheilt werden kann?

Niemand da zum Reden. Das Handy schweigt. Nachrichten ausspucken, das kann es, das Technikwunder. Diese Nachrichten verkraften helfen nicht, natürlich nicht. Ich will seine Hand halten, ihn in den Arm nehmen. Es geht nicht. Ich bin ausgeschlossen - trotz Handy.

Es gibt keinen Grund mehr, Nachrichten zurückzuhalten. Es gibt keine Ausreden. Jeder ist immer und überall erreichbar. Keiner traut sich mehr, Grenzen zu ziehen, selbst zu entscheiden welche Nachricht wann wen erreichen muss. Niemand will die Verantwortung übernehmen für unterlassene Information. "Senden" ist so einfach.

3:27, Päff: Es riecht ranzig, der Boden klebt, wir stieren vor uns hin. Die Themen sind ausgeschöpft - nur eins bleibt. "Hunger?", fragt Annika. "McDonald´s?", fragt Joyce zurück. Gespräch beendet, nächtliche Mahlzeit beschlossen. Niemand beginnt die leidige Oder-doch-zu-Burger-King-Diskussion. Wir sind wirklich müde, ziehen mit wunden Füßen langsam Richtung Futterstelle. Miriam ist schon längst gegangen, ihr Freund hatte doch noch angerufen und die beiden haben sich nach kurzem Kühlschrankinhalt-Vergleich für sein Bett entschieden.

Früher musste ich meinen Eltern immer Bescheid geben, wenn ich zum Schlafen nicht nach Hause kam, oder ganz früher: nach der Schule mit zu einer Freundin ging. Nur mit kluger Taktik gelangte ich, damals 14, überhaupt in den Besitz eines Handys. Denn eigentlich waren meine Eltern große Gegner des Mobiltelefons für Kinder gewesen. Aber das Sicherheitsargument zog am Ende doch. Ich sollte meine besorgten Eltern regelmäßig und vor allem unaufgefordert darüber aufklären, wo ich bin und wann ich mich wieder zu Hause einfinde.

Anfangs waren die Angaben, die ich meinem Vater, dem Handy-Pionier der Familie, via SMS übermittelte, noch sehr detailliert: "Hallo ihr beiden, ich komme so gegen neun nach Hause, bin bei der Joyce. Bin mit dem Fahrrad, das Licht vorne ist wieder ganz. Esse hier. Tschüs, Lara". Später wurden die Nachrichten unpräziser: "Schlafe hier, komme morgen." Diese vier Worte hatte ich als festen Textbaustein eingespeichert, so dass ich sie auch unter Alkoholeinfluss ohne Fehler versenden konnte. Der meistgenutzte Textbaustein heute: "Gibt es bei euch noch was Warmes zu essen?" Die SMS geht dann gleich an drei Handys raus. Mein Vater schreibt direkt zurück: "Die Antwort ist JA!" - auch ein eingespeicherter Baustein. Meine Schwester hat nie Guthaben und meine Mutter antwortet gar nicht. Sie schaut bestenfalls einmal die Woche auf ihr Display. "Wer was Dringendes will, kann ja anrufen", sagt sie.

Anrufen bedeutet zu Hause anrufen, auf dem Festnetz. "Und wenn du mal nicht da bist?" - "Dann bin ich halt nicht erreichbar." Auf Festnetzanschlüssen anrufen ist mir inzwischen zuwider. Nie hat man direkt den gewünschten Gesprächspartner am Apparat. Durchfragen, freundlich sein, dann endlos warten. Zudem muss man zahlreiche mütterliche Tabuzeiten beachten: Mittagessen-Zeit, Abendessen-Zeit, Tatort-Zeit, eigentlich sonntags generell und immer nach zehn Uhr abends. Aber die meisten meiner Freunde beantragen schon gar kein Festnetz mehr. Lohnt sich kaum. Auch meine Leitung ist quasi versiegt. Das Telefon klingelt bestenfalls einmal die Woche. Die Zahl der Menschen, die diese Nummer kennen, ist einstellig. Aber ich darf sicher sein: Wenn es zu Hause klingelt, kann ich bedenkenlos abheben. Keine Meinungsforschung, keine Behörden, keine Bar-Bekanntschaften.

04:08, McDonald´s: Wir sitzen mit gestützten Köpfen vor unseren Fritten. Total fertig. Das grelle Licht macht uns nicht schöner. Die Theken-Diskussion über die Vorzüge eines kalorienarmen Salats um diese späte Uhrzeit ist pure Koketterie und wird nicht ernst genommen - aber jedes Mal wieder geführt. Stattdessen stopfen wir jetzt fettiges Fastfood in uns hinein. "Lies noch mal die SMS von diesem Besoffenen vor", stichelt Joyce.

Gemeint ist Annikas jüngste Eroberung. Die uns beiden schon beim Nummernaustausch in der Bar unsympathisch war. Völlig überfordert mit seinem Alkoholpegel, reichte er nämlich nur sein High-Tech-Handy rüber und bat Annika, Name und Nummer selbst einzutippen. Annika lässt sich nicht provozieren, sie piept sich durch ihr Handy-Menü. "Also", eröffnet sie gespielt feierlich. "Hallo, du bist ne echt Nette. Sehen wir uns morgen? Möchte dich gern wiedersehen." Großartig. So eine SMS, die würden wir uns gegenseitig verbieten.

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