In seinen „Erinnerungen“ nimmt er gleich zu Beginn wieder Abstand von diesem Unterfangen: „Erinnerung tappt durch unsere Vergangenheit wie ein Betrunkener...durch einen stockfinsteren Stollen“. Er nimmt Abstand von einer Aufgabe, die es für ihn nicht zu lösen gilt. Er maßt sich eben nichts an, keine großen Gefühle, keine großen Geschichten. „von Heimat zu Heimat“ ist denn auch kein Privatissime, wenig Anekdotenhaftes oder Weisengütiges. Statt dessen ein Eintauchen in die Welt der Parteiarbeit, der Lichtjahre!!! entfernten Studentenrevolten, Westberlin, Wehner, Brandt, Schmidt, Wiedervereinigung und „Enkelei“.
Politische Erlebnisse, aufgearbeitet mit reichlich Distanz und Reflexion, lassen den Leser in eine Welt hineingeraten, die wie Geschichte wirkt, doch weitergeht. Eine Zeit der Politiker, eine Zeit der Parteien. Man liest viele Passagen fast ungläubig, in diesem Land habe ich auch schon gelebt?
Viel Lehrstückhaftes aus den Läuften der Bonner Republik, von einem Mann, der – natürlich von der Bettkante aus, der letzten! – sich wundern kann über Unernsthaftigkeiten, Opportunismus, „dickärschige Positionsbesitzer“ und Blindheit gegenüber den Zuständen dieser Welt.
Es geht und ging ihm dabei immer wieder um die „Leute“, nicht die Arbeiter, die „kleinen“, sondern schlicht: die Leute. Lange nicht mehr gehört, lange nicht mehr geglaubt.
Glotz nimmt eine Position für sich in Anspruch, eine Warte, denn er weiß: nur Position, nicht Positionierung, signalisiert: ich habe etwas mitzuteilen. Er will nicht „auch noch etwas sagen“, er hat etwas zu sagen.
Ein letzter langer Brief an die Genossen soll dieses Buch sein. Doch wer lässt sich noch etwas sagen? „Wir triefen vor Heuchelei“ schreibt er selbst.
Man kann, man muss, die Augen vor dem aktuellen Tagesgeschehen so fest zukneifen, dass man wirklich gerade noch dieses Buch lesen kann, um seinem Anliegen nahe zu kommen. Dann lernt man am ehesten, wie sich eine Position unabhängig von persönlicher Machtgeilheit und Resignation, beziehen lässt. Auch Glotz ist nicht alles bürgerliche Unbehagen am opportunistischen Spaßgesellschaftstum fremd, aber er zeigt, wie „Stellung beziehen“ jenseits neokonservativer Stilistik einmal anders funktioniert: Überwindung und Ernsthaftigkeit. Der gute Anzug ist mehr als ein Zeichen. Peter Glotz beschreibt Haltung, keinen Stil.
Ja, dieses Buch ist ein langer Brief an die Genossen („Partei war damals noch nichts Verächtliches“ ), ein sehr gewissenhaftes Anliegen, welches über bloße Zustandsbeschreibung hinausgeht.
Peter Glotz schreibt mit sturer Präzision und man bekommt zwischendurch fast Freude an der Politik. Nur darf man die Augen nicht wieder öffnen, genug „Okkasionalisten“ da draußen, lieber mehr „Möglichkeitssinn“, Herr Glotz und (s)ein Anliegen.
Peter Glotz: Von Heimat zu Heimat, Econ Verlag, 2005. € 24,90.





