STREITBAR

streitBar im Selbstgespräch

von streitBar und streitBar

Sie haben den Axel-Springer Preis gewonnen, Prost.

Moment, wir brauchen ein paar Gläser mehr hier, streitBar ist ein Gruppenprojekt. Wir haben uns zum ersten Mal alle beim SPIEGEL- Schülerzeitungswettbewerb getroffen. Das war im Jahr 2000, damals hat der SPIEGEL eine Reihe unserer Arbeiten ausgezeichnet. Dort in Hamburg haben wir beschlossen, dass wir gemeinsam ein Medium gründen wollen, in dem wir uns frei vom Redaktionsdruck auslassen können. Viele von uns sind danach in den Journalismus gegangen und schreiben heute für DIE ZEIT, die TAZ, SPIEGEL ONLINE und eine ganze Reihe anderer Medien. Bei aller Freude an der Arbeit dort: Mitunter spüren sie dort das enge Korsett von Auftragsarbeiten, den Druck auf Zeile zu schreiben, die engen Formatvorgaben, was gerade für junge Journalisten, die einen Anspruch auf Kreativität haben, beengend wirkt. An dieser Stelle kommt streitBar ins Spiel: streitBar hat kein Korsett, es ist eine offene Plattform für kreative Journalisten, die wir uns und anderen geschaffen haben.

Ihre streitBar ist also eine Spelunke, wo Texte abgeladen werden, die kein anderer drucken will?

Im Gegenteil, manche streitBar Artikel werden nachher auch in anderen Medien veröffentlicht, mehrere einzelne Texte sind preisgekrönt worden. Aber viele Artikel gibt es nur bei uns in der vollen Länge zu lesen. Eine längere Reportage unseres Autors Sebastian Matthes wurde von einem größeren Magazin gekauft und auf dreißig Zeilen zusammengekürzt. Matthes wollte jedoch die Geschichte noch einmal als Ganzes veröffentlich sehen, so dass er uns den Text umsonst anbot mit der Auflage: Ihr könnt ihn haben, unter der einen Bedingung, dass ihr ihn in voller Länge bringt! streitBar ist als Internet-Magazin konzipiert, indem wir aus technischer Sicht unbegrenzte Möglichkeiten haben, eine Geschichte angemessen zu veröffentlichen. Hierin liegt die Stärke, die wir haben und die wir vorantreiben wollen: Die sinnvolle Konvergenz verschiedener journalistischer Stilmittel (Reportage, Kommentar, Blog) mit den multimedialen Möglichkeiten Bild und Ton. Sebastian Christ´s Reportage über Pan Stanislaw, der wir den Axel-Springer Preis verdanken, ist selbst Musterbeispiel für diesen Anspruch: Er verbindet eine geschriebene Reportage mit Audioelementen, die sich jedoch fast überhaupt nicht als Transkript im Text wieder finden. Im Gegenteil, beide Kanäle mit Fotos von Pan Stanislaw ergänzen sich zu einem multimedialen Ganzen. Das ist eine genuin neue Form, die weder in Print noch Radio möglich wäre. Auf solchen Konzepten wollen wir aufbauen und Plattform sein, Journalismus weiterzudenken.

Wer garantiert, dass dieser feurige Anspruch nicht in Beliebigkeit verwässert?

streitBar ist eine offene Plattform, trotzdem ist uns eine Qualitätskontrolle äußerst wichtig. Das unterscheidet uns von vielen Blogs. Die Redaktion von streitBar arbeitet an einer Qualitätskontrolle im doppelten Sinne: Auf der einen Seite redigieren wir Artikel – und behalten uns vor, Artikel nicht zu veröffentlichen – auf der anderen Seite geben wir Autoren, egal ob bereits erfahrenen Journalisten oder Einsteigern, ein qualitatives Feedback zu ihrer Arbeit. Dabei haben wir gemerkt, dass diese Herangehensweise für die meisten Autoren viel wertvoller ist als ein Honorar. Bei uns wird die Arbeit eines jeden einzelnen respektiert und durch sorgsamen Umgang mit den Texten gewürdigt. Das Geld aber müssen sich unsere Autoren an anderer Stelle verdienen. Das ist für die meisten ein fairer Deal.

Das hört sich eher nach Happy-Hour für den Herausgeber an.

streitBar ist ein nonprofit-Medium. Wir sind kein Wirtschaftsbetrieb. Schauen Sie einmal auf den Erfolg von Wikipedia, der freien Enzyklopedia, die von ihren Benutzern honorarfrei geschrieben und korrigiert wird. Jetzt frage ich Sie, warum machen diese Menschen das, sich stundenlang vor den Computer zu setzen und einen Artikel über Quantenmechanik zu verfassen? Die Antwort ist einfach: Weil sie einen Mehrwert für alle darin sehen und weil sie etwas weitergeben können, worüber sie Bescheid wissen. Auf diese Weise entstanden seit Mai 2001 über 200.000 deutschsprachige Einträge.

Jetzt frage wir uns einmal, wie viele Journalisten es dort draußen gibt, die zugegeben eine idealistische Einstellung zu ihrem Beruf haben, frustriert sind, weil sie gerne mal eine Story machen würden, von der sie wissen, dass es vielleicht kein Medium gibt, wo sie sie unterbringen könnten. Wir suchen nach diesen Leuten die sagen: „Ich mach die jetzt trotzdem, weil ich es kann und will.“ Für diese Journalisten wollen wir eine professionelle Plattform bieten. Unsere Verantwortung liegt darin, das Ambiente und die Qualität zu sichern. Lino Klevesath zum Beispiel kam vor kurzem zur UN nach Beirut. Einen Tag nach seiner Ankunft Al-Hariri ermordet. Er mailte mir daraufhin, er müsse darüber dringend schreiben, ob wir das in seinem impressionistischen Stil veröffentlichen würden? Das Ergebnis war eine Form, die ich journalistischer Blogg nennen würde. Im Rahmen der Studentenstreiks letztes Jahr hatten wir auf einmal Kontakte zu Redakteuren von Studentenzeitschriften aus verschiedensten deutschen Städten, die uns gerne mit einem übergreifenden Bild der Protestlandschaft versorgten, das deswegen so interessant war, weil es mitunter auch durchaus kritisch aussah. Wir bekamen nicht nur Post von vielen Studenten, sondern wurden von zahlreichen Protestseiten im Internet verlinkt. Ich erinnere mich noch gut an eine Nachricht, die sich frustriert über die tätschelnde Berichterstattung der Medien über die Protestgeneration ausließ. In eine solche Kritik sind wir nie geraten, weil durch die Auswahl unserer Redakteure unsere Beschreibung der Ereignisse offenbar authentischer war.

Authentizität scheinen sie bei ihrer Zubereitung groß zu schreiben, doch wie finanzieren sie die Auslage?

Natürlich entstehen über die Internetform wenig Kosten im Vergleich zu anderen Medien, dennoch ist die Finanzierung eine offene Frage. Da wir unsere Unabhängigkeit uneingeschränkt wahren müssen, weil wir sonst kein ehrliches Medium mehr für frei kontribuierende Autoren mehr darstellen würden, müssen wir andere Wege gehen. Auch hier können wir viel von Wikipedia lernen, die ihre Unkosten durch Spenden der Leser decken, ein Modell das auch für uns funktionieren könnte, sobald wir den Lesern ein umfassendes konstant aktuelles Angebot bereitstellen. Dann können wir fragen, wie die TAZ das bei ihrem Online-Angebot bereits macht: Was ist Ihnen der Text wert? Über Mikropayment kann man dann schnell einen Euro online überweisen. Andere Modelle und Verkaufmöglichkeiten von streitBar-Inhalten müssen dann ebenfalls geprüft werden. In diesem Zusammenhang sollten wir deutlich machen, dass streitBar eine Konzeptidee ist, wie wir sie jetzt dargestellt haben; der Aufbau eines erfolgreichen Netzwerkes von Autoren und Lesern im nichtkommerziellen Bereich sollte auf die nächsten Jahre geplant werden, denn auch hier stehen wir nicht unter dem Druck, zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einer teuren PR-Maschinerie auf den Markt geworfen zu werden und dann drei Monate Bewährungsfrist zu haben, eine Realität unter der leider viel zu viele gute Magazine in der Vergangenheit gestorben sind, bevor sie Zeit hatten, aufzublühen.

Was ist für Sie auf dem Weg zu diesem großen Menü, das sie beschreiben, am nötigsten?

Allen voran wohl Auszeichnungen wie der Axel Springer Preis, der nicht nur unsere Qualität, sondern auch den Innovationsgedanken würdigt, denn so können wir ein Profil gewinnen, das schließlich neue Köche anlockt. Was wir dann leisten müssen, ist ein Vertrauen mit den Autoren aufzubauen und zu pflegen, dass sie spüren, dass ihre Text bei uns nicht im statischen Rauschen des Internet untergeht.

Die streitBar Redaktion

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streitBar wurde als offene experimentelle Redaktionsplattform 2003 von jungen Journalisten gegründet.