Mein Bruder hatte mich gewarnt: „Ohne Auto kannst du in den USA nicht einmal Geld abheben!" Stimmt: Als er vor vier Jahren in Edinburg, Texas zu studieren anfing, musste er sich per pedes im drive-thru der Bank die Zwanzig-Dollar Noten aus dem Automaten ziehen. Stimmt nicht in Berkeley: Hier fährt Kollege Student Rad und Herr Professor sowieso. In dieser kleinen heilen Welt – wo selbst der Müll pedantisch getrennt wird – gibt es alles, was wir Freunde des Drahtesels aus Deutschland kennen: Fahrrad-Parkplätze, Fahrrad-Boulevards und Wege; über fünfzehn Meilen ziehen sie sich die Berge an der Bucht hinauf.
Paul, der mir für die ersten Nächte Unterschlupf anbot, befand gleich am zweiten Tag: „Dude, you need a bike!" Aus seinem Keller zauberte der Rumäne ein wunderschönes altes Rennrad hervor: schwarz, ohne Schnickschnack, japanisches Modell. Geschenkt. Noch am gleichen Tag reinigte ich im Fahrrad-Coop (lies: Reparieren zum Nulltarif) auf der Shattuck Avenue die rostige Kette und setzte den Sattel vom Flohmarkt auf. Wie ich erst viel später erfuhr, war ich ein noch größerer Glückspilz als gedacht: Erspart blieb mir der Gang zu einem der Pferde-, nein Fahrradhändler, die Studenten besonders zu Semesterbeginn gern übers Ohr hauen. Ein Laden soll angeblich gestohlene Räder verscherbeln, kolportiert die Lokalpresse.
Am Abend konnte es losgehen: Allzu genau erinnere ich mich noch an meine Traumata in China, wo ich einige Zeit gelebt habe: die täglichen Beinaheunfälle mit pöbelnden Autofahrern und der chronische Husten, ein letzter Protest meiner Lungen gegen das Zwei-Takter-Benzin. Mein täglicher Weg zur Uni in China im letzten Jahr war gepflastert mit Hürden und Gefahren. Nun Amerika: Glatte Straßen, Ozeanbrise und devote Autofahrer – das Fahrgefühl unglaublich frei. Die motorisierten Fahrer halten, winken freundlich über die Straße oder entschuldigen sich, wenn sie vom Recht der Vorfahrt Gebrauch machen.
Bei soviel Freiheit kam schnell Übermut auf. Ich begann zu rasen, höhnte über blöde Autofahrer und pfiff auf die Bicycle-CHiPs, die Fahrrad-Polizisten, die um den Campus patrouillieren. Und: Ich stürzte. Meine Tasche war Schuld, nicht etwa ein aggressiver Prolet ohne Führerschein oder der trottelige Sonntagsfahrer. Sie hatte sich in meinem Vorderrad verheddert und meinem Traum von Freiheit ein jähes Ende bereitet.
Inzwischen sind die Wunden verschorft, und ich bin schlauer. Per Fahrrad unterwegs, genau so wollte ich anders sein, anders als die Amis. Hier in Berkeley sitzen sie alle selber auf dem Drahtesel, ob cool oder uncool – der Helm gehört dazu. Nach dieser ersten Lektion trage ich selbst einen Helm und bin schon ein Stück ein ganz typischer Amerikaner.
1. USA-Kolumne : Franfurt Palmengarten - 16. Juli 2004
2. USA-Kolumne : Ikea - 3. Oktober 2004
3. USA-Kolumne : Last Exit Beatty - 27. Oktober 2004
4. USA-Kolumne : USA Election BLOG
5. USA-Kolumne : Starbucks
|