2005-03-03

Die Angst läuft mit
von Sebastian Matthes


„Verpiss Disch, Scheißjude.“ 14.15 Uhr, Berlin, Kurfürstendamm. Die Sonne brennt. Es ist einer der wärmsten Tage des Jahres, doch mein Blut gefriert. Soll ich etwas sagen? Zurückpöbeln?

Aus den Augenwinkeln sehe ich den Mann. Er starrt mich an. Ein fitnessstudiogestählter Schlägertyp. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze, kurzrasierte Haare, bronzefarbene Haut. Er sieht aus wie der Türsteher einer Großraumdisko. Einer, der es problemlos mit Dreien meiner Statur aufnehmen kann. Nach seinem Akzent und der Hautfarbe könnte er arabischer oder türkischer Herkunft sein. Während er an mir vorbeigeht, hält er an, dreht sich um und wartet auf meine Reaktion. Ich beschleunige meinen Schritt. Mein Herz rast.

Es stimmt also, was man hört: Die Sicherheitslage für Juden in Deutschland hat sich verschlechtert. Antisemitische Beleidigungen, Rempeleien und Belästigungen nehmen zu. Besonders seitens muslimischer Immigranten. Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagt: „Sollte dieser Trend anhalten, sehe ich für meine Kinder in diesem Land keine Zukunft mehr.“ Er ist Deutscher. Und als einer der höchsten Vertreter der hiesigen jüdischen Gemeinschaft trägt er keine religiösen Symbole mehr in der Öffentlichkeit. „Ich habe einfach keinen Bock auf blöde Fragen“, sagt er.

Und bei Fragen bleibt es oft nicht. Die Polizei rät Juden, aus Sicherheitsgründen ihren Glauben in der Öffentlichkeit nicht mehr zu zeigen. Immer mehr folgen dieser Empfehlung. Sie verstecken traditionelle Kopfbedeckungen unter Baseball-Kappen und ihren Davidstern unter dem Hemd. Meldungen über zusammengeschlagene Rabbiner, eingedroschene Fensterscheiben und Pöbeleien schüren die Angst.

In Deutschland wird es gefährlicher, Jude zu sein. Aber wie gefährlich? Ich entschließe mich zu einem Selbstversuch und leihe mir eine „Kippa“. Das ist eine traditionelle Kopfbedeckung, eines der bekanntesten jüdischen Symbole. Ich trage sie einen Tag in Berlin, als wenn ich Jude wäre. Hier leben rund 160 000 Muslime und fast 20 000 Juden – mehr als irgendwo sonst in Deutschland. Wenn es einen Konflikt zwischen ihnen gibt, dann hier am ehesten.

Mein Herz schlägt wieder im normalen Takt. Es ist 14.30 Uhr. Ich stehe hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem ich kurz zuvor angepöbelt wurde und denke zurück. Noch nie hat mich auf der Straße jemand derart angefahren. Ich bin ein eher unauffälliger Typ. Blonde Haare, grüne Augen. Nicht einer, dem man nachschaut. Doch das kleine schwarze Stück Stoff auf meinen Hinterkopf ändert alles. Einige mustern mich interessiert, andere sehen mich mit Befremden an. Der Sicherheitsmann eines Modehauses begrüßt mich freundlich mit „Schalom“. Wieder andere begegnen mir mit blanker Aggression. Ich stehe mittendrin und gehöre nicht mehr dazu, zu den Massen, die sich in freudiger Konsumlust über den Ku’damm drängeln. Ich fühle mich plötzlich fremd.

„In Deutschland hat man noch gar nicht erkannt, welche Gefahr von dem neuen islamistischen Antisemitismus ausgeht“, sagt Julius Schoeps vom Moses Mendelssohn Institut. Im Vergleich zu den europäischen Nachbarn ist die Zahl gewalttätiger antisemitischer Übergriffe islamischer Immigranten hierzulande noch gering. Das liegt vor allem daran, dass es sich bei den Moslems in Deutschland überwiegend um Türken handelt. Und die sind weniger fundamentalistisch als viele Araber. Doch die Stimmung dreht sich. „Die antisemitischen Übergriffe nehmen zu“, sagt Juliane Wetzel vom Berliner Institut für Antisemitismusforschung.

Seit dem ersten Zwischenfall auf dem Ku’damm bin ich sensibilisiert. Ich mache einen Bogen um dunkelhäutige Männer mit schwarzen Haaren. Was, wenn einer mal zulangt? Ich fahre S-Bahn. Mein Ziel ist der Hackesche Markt. Es ist 15.15 Uhr. Unterwegs starrt mich ein arabisch aussehender Junge an. Er trägt teure Kleidung: Eine tiefblaue Armani-Jeans und eine schwarze Lederjacke. Er ist vielleicht 18 Jahre alt. Ich steige aus, er folgt. Mein Herz schlägt schneller. Er trifft einen Freund und dessen Freundin. Ich bleibe stehen und studiere die Mittagsangebote eines Restaurants neben dem Bahnhof. Die drei stehen zehn Meter weiter und schauen rüber. Schließlich zieht die Freundin die beiden weg. Die Jungs mustern mich mit finsteren Blicken und folgen dann dem Mädchen. Mein Herz beruhigt sich. Während ich mich auf einen der Stühle vor dem Restaurant fallen lasse, überlege ich, was hätte passieren können. Ich denke an die Schlagzeilen der gewalttätigen Übergriffe auf Juden und an die Warnung der Polizei, keine jüdischen Symbole in der Öffentlichkeit zu tragen.

Wie kommt es zu diesen Zwischenfällen? Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Nadeem Elyas, sagt: „Das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser ist staatsgelenkter Terrorismus. Das schürt antisemitische Tendenzen.“ Natürlich seien Übergriffe von Muslimen auf Juden „unislamisch und bedauerlich.“ Stephan Kramer vom jüdischen Zentralrat räumt ein, dass der anhaltende Nahostkonflikt die Stimmung zwischen Juden und Muslimen auch in Europa trübt. Doch von Staatsterrorismus könne absolut keine Rede sein.

Am Hackeschen Markt gibt es keine weiteren Zwischenfälle. Ich werde kaum beachtet. Mein nächstes Ziel: Kreuzberg. Hier liegt der Anteil türkischer Einwanderer bei fast 20 Prozent. Vom Kottbusser Tor bewege ich mich in Richtung Oranienstraße. Über türkischen Gemüseläden, Dönerbuden und Cafés ragen rechts und links von der Straße Wohnblocks in den Himmel. Vor mir schubsen sich vier türkisch aussehende Jugendliche hin und her. Einer dreht sich um, und plötzlich werden sie langsamer. Trotz grüner Fußgängerampel bleiben sie stehen. Haben die es auf mich abgesehen? Ich betrachte angestrengt einen Aushang an einem eisernen Pfeiler einer U-Bahn-Brücke. Mein Herz rast – zum dritten Mal heute. Die Jungs überqueren langsam die Straße, zu langsam. Ich gehe zurück.

Während ich kurz danach auf der anderen Straßenseite an ihnen vorbeigehe, würdigen sie mich keines Blickes. War es Einbildung? Bin ich paranoid? Ich stelle fest, dass ich mich wie ein potenzielles Opfer fühle, setze mich in ein Café und frage nach einem Malzbier. Ist das überhaupt koscher? Darf ich das als gläubiger Jude trinken? Hat mich die Kellnerin deswegen so erstaunt angesehen?

Unwissenheit ist der Anfang von Antisemitismus, habe ich in der Schule gelernt. Vor meinem Selbstversuch habe ich auf dem Ku’damm vor der Gedächtniskirche Passanten Fragen gestellt. Wer war eigentlich Anne Frank? „Eine jüdische Schauspielerin“, sagt eine Frau. „Keine Ahnung, wann die gelebt hat.“ Und wie ist ihr Verhältnis zu Juden? „Ich finde, die nehmen sich immer noch zu wichtig. Hier, der Judenbeauftragte, der oberste, der Friedman. Der stellt sich immer so dar.“ Sie lacht verlegen. „Aber ich hab nichts gegen Juden. Sind ja auch Menschen. Nur beim Optiker, da sind die immer so vorlaut.“ Dann kommt ihr Bus. Vielen anderen sagt der Name Anne Frank nichts. „Keene Ahnung.“ Ein türkischer Verkäufer mit einem Bauchladen, voll mit Modeschmuck, schickt mich weg, als ich ihm erzähle, dass Anne Frank Jüdin war. „Über so was spreche ich grundsätzlich nicht. Bitte gehen Sie.“

Mit antisemitischen Ressentiments wollen sich die Mitglieder des jüdischen Studentenbundes Berlin nicht abfinden. Sie organisieren Infoveranstaltungen auf dem Ku’damm, besuchen Schulklassen und laden zu gemeinsamen Partys ein. „Die Schüler in Deutschland wissen erschreckend wenig über unsere Kultur“, sagt Wicka Dolburd. Sie ist Tochter russischer Einwanderer, hat in Deutschland Abitur gemacht und danach in den USA und Frankreich studiert. Auch sie hat den zunehmenden Antisemitismus bemerkt. „Man hört immer öfter von solchen Zwischenfällen. Ich glaube der Grund ist, dass die Medien einseitig über den Konflikt im Nahen Osten berichten“, sagt sie. Wicka will demnächst nach Israel auswandern, weil sie sich hier nicht mehr wohl fühlt. „Es reicht nicht, sich zu tolerieren. Man muss sich verstehen. Und das klappt in Deutschland nicht.“

Ich habe mein Malzbier ausgetrunken und laufe durch Kreuzberg. Gerade hat mir in der Bergmannstraße wieder ein arabisch aussehender Bodybuilder-Typ im Vorbeigehen „Scheißjude“ zugeraunt. Zum dritten Mal heute. Es ist fast 18 Uhr. Der Himmel ist grau. Und ich bin traurig. Hinter einer Werbewand auf dem Bahnhof setze ich unauffällig die Kippa ab, stecke sie in die Tasche und mache mich auf den Heimweg. Ich wohne in Lichtenberg. „Da ist das Tragen einer Kippa lebensgefährlich“, hat mir eine jüdische Studentin erzählt. Darauf wollte ich es nicht mehr ankommen lassen. Ich sitze in der S-Bahn und lehne meinen Kopf gegen das Fenster. Es ist schwül. Keiner beachtet mich. Die Menschen um mich herum beobachten eine junge Frau. Sie hat keinen Sitzplatz mehr bekommen und steht direkt vor mir. Ach ja, sie trägt ein Kopftuch.





Martin Heidelberger schreibt zum Thema Kipa Selbstversuch :

Ich habe bei einem ähnlichem "Selbstversuch" diesselbe Erfahrung gemacht ... schlimm


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